III.04: Der Einfluss von Netzwerken auf Prozesse der Exklusion und Inklusion bei Strafgefangenen mit Migrationshintergrund
Quelle: © Peter Reinäcker / PIXELIO

Projektbeschreibung

In Geschichte und Gegenwart lassen sich zwei grundsätzliche Strategien unterscheiden, mit abweichendem Verhalten umzugehen: eine exkludierende und eine inkludierende. Moderne westliche Gesellschaften neigen zu exkludierenden Kontrollstrategien. Anhand der Biographien junger Migranten, die in starken wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Abhängigkeiten stehen und deswegen auch häufig strafrechtlich auffällig werden, soll gezeigt werden, ob und wie sich Netzwerke, teils kompensierend mit dem Ziel von Partizipation und Inklusion, teils aber auch eskalierend und Exklusionsprozesse besiegelnd, auswirken können. Über Netzwerke werden etwa Arbeits- und Ausbildungsplätze sowie Schwarzarbeit vermittelt oder Unterschlupf- und Rückzugsmöglichkeiten gewährt. Ebenso kann ein (lockerer) Cliquenverband Hilfe bei Behördenkontakten vermitteln, eventuell aber auch den Zugang zu Drogenmärkten, falschen Pässen oder Waffen, bis hin zum vollständigen Einstieg in das organisierte Verbrechen und die kriminelle Subkultur eröffnen.

Ob jeweils eine exkludierende oder eher eine inkludierende Wirkung eintritt, hängt allerdings nicht nur von der Existenz und Art entsprechender Netzwerke, sondern auch von vielen anderen Umständen ab: von den sonstigen Kontakten, von der Art der Straftaten, von sonstigen Eigenheiten der Person des Abweichenden und natürlich auch von der regional und nach den handelnden Personen sehr unterschiedlichen konkreten Ausgestaltung von institutionellen Interventionsstrategien. Es ist also methodisch erforderlich, die Vielzahl der möglichen anderen Einflussgrößen zu kontrollieren. Dies geht am besten mit einem qualitativen Verfahren, mittels dessen sich biographische Verläufe mit all diesen Facetten dokumentieren lassen. Nur so kann sich abzeichnen, ob sich im Einzelfall tatsächlich der Einfluss von Netzwerken für die Richtung der biographischen Entwicklung als entscheidend herausgestellt hat oder ob es eben andere Prozesse oder Faktoren gewesen sind. Die Erforschung erfolgt auf der Grundlage der Angewandten Kriminologie, ergänzend kommen angepasste Tools der egozentrierten Netzwerkanalyse zum Einsatz. Mit Hilfe dieser wissenschaftlich fundierten und in der Praxis erprobten Instrumente können sowohl die potentiellen Einflüsse von Netzwerken als auch die anderen potentiellen Einflussfaktoren in ihrer ganzen Breite erfasst werden.

In einem Vergleichsgruppendesign sollen 2 x 15 Biographien junger Migranten untersucht werden. Die Teilnehmer des Projekts werden unter anderem nach dem Kriterium "erneute Haftstrafe nach einer Erstinhaftierung ja oder nein" ausgewählt. Während die erste Gruppe ("schwerer Rückfall" - Gefahr von dauerhafter Exklusion) sich erneut in einer Justizvollzugsanstalt befindet und dort interviewt werden kann, ist die zweite Gruppe ("mindestens drei Jahre nach der Entlassung kein schwerwiegender Rückfall" - begründete Erwartung dauerhafter Inklusion) in Freiheit aufzusuchen. Eine Erweiterung um eine Gruppe von gar nicht straffällig gewordenen jugendlichen Migranten, die mit den gegenwärtigen Förderungsmitteln nicht geleistet werden kann, wäre wünschenswert. Zur Kontaktaufnahme mit möglichen Interviewpartnern kooperiert der Lehrstuhl mit einer Rechtsanwaltskanzlei, der Bewährungs- und ehrenamtlichen Straffälligenhilfe. Eine Kooperation mit verschiedenen Justizvollzugsanstalten konnte mit Unterstützung der Justizministerien von Rheinland-Pfalz und Hessen realisiert werden.

Ziel des Projekts ist eine Typologie erfolgreicher oder weniger erfolgreicher Verläufe mit praktischen Empfehlungen an die Kriminalpolitik, die Integrationspolitik sowie die Institutionen der Strafrechtspflege im weitesten Sinn.

Aktueller Forschungsstand

  • Projekt abgeschlossen - Veröffentlichungen und Vorträge zu den Ergebnissen
  • Arbeit an der Gesamtauswertung
  • Arbeit an einer Sonderauswertung zum Thema Schulden
  • Durchführung eines zweiten Experiments zur Erhebung der Netzwerkdichte in egozentrierten Netzwerken
  • Prä­sen­ta­ti­on des Pro­jekts auf Ver­an­stal­tun­gen für die in­ter­es­sier­te Öf­fent­lich­keit (etwa zum Tag der Forschung 2011, 2010, 2009 an der Universität Mainz oder dem Mainzer Wissenschaftsmarkt 2009)
  • Vorstellung des Projekts auf Tagungen der Fachdisziplin (so u.a. zum Dt. Präventionstag 2010 oder der 11. Wissenschaftliche Fachtagung der Kriminologischen Gesellschaft 2009)
  • Vorträge zu den Symposien 2011, 2010, 2009 des Interdisziplinären Arbeitskreises Armut und der Projekte des Teilbereichs I des Exzellenzclusters
  • Durchführung eines Experiments zur Erhebung der Netzwerkdichte in egozentrierten Netzwerken
  • fortlaufende Erhebung der Daten
  • fortlaufende Eingabe und kriminologische Auswertung der Daten
  • Genehmigung der Unterstützung durch die Justizministerien in Rheinland-Pfalz und Hessen; Kooperationen mit verschiedenen Justizvollzugsanstalten
  • Kooperation mit einer Rechtsanwaltskanzlei, Bewährungshelfern und ehrenamtlicher Straffälligenhilfe
  • Fertigstellung des Erhebungstools
  • Genehmigung zur Durchführung des Projekts vom Datenschutzbeauftragten des Landes Rheinland-Pfalz eingeholt
  • drei (mehrstündige) Pretests mit partizipativen Methoden zur Erhebung eines egozentrierten Netzwerks durchgeführt
  • mehrere Tests zur Darstellung erhobener egozentrierter Netzwerke mit Hilfe der innerhalb des Exzellenzclusters entwickelten Software VennMaker (vgl. Projekt Ü.01 - Softwaretool VennMaker) durchgeführt
  • Abschluss einer Explorationsstudie, bei der zehn biographische Interviews von jugendlichen Untersuchungsgefangenen mit Migrationshintergrund reanalysiert wurden
  • Literatur- und Internetrecherche zu den Themen "Migration", "Soziales Kapital" und "Soziale Netzwerke" durchgeführt
  • Forschungskonzept und Organisationsdatenbank erstellt
  • interdisziplinäre Zusammenarbeit innerhalb des Exzellenzclusters, insbesondere durch Kooperationen mit den Projekten I.9 (Gesundheitsprävention bei Schulden und Armut) und I.10 (Entwicklung mentaler Modelle)
  • Engagement innerhalb des interdisziplinären Arbeitskreises "Armut und Schulden"
  • Umfassende Stellungnahme zum 12-Punkte-Plan zur Förderung der interdisziplinären Vernetzung der einzelnen Cluster-Projekte