I.01: Netzwerkbildungen als Reaktion auf Statusbedrohungen in der römischen Oberschicht
Jacques-Louis David: Bélisaire, 1781, Palais des Beaux-Arts, Lille.

Arbeitsstand

Erste Resultate liegen insbesondere für die Zeit der Späten Republik vor. Hier wird ein weit verzweigtes Unterstützungsnetzwerk innerhalb der Senatorenschicht deutlich, das sich teilweise auch auf die rangniedrigeren Schichten ausdehnt. Es diente der Ansammlung von sozialem Kapital und äußerte sich vornehmlich in Krediten und finanziellen Zuwendungen. Die von uns nachgewiesene Existenz eines solchen Netzwerkes beruht auf der Analyse des persönlichen Briefverkehrs Ciceros, der es ermöglicht, die Mitglieder seines Netzwerkes – insgesamt rund 60 Personen zu ermitteln. Basierend auf dem ciceronianischen Briefcorpus und anderen, größtenteils literarischen Quellen, kann eine allgemeine Verbreitung solcher Netzwerke innerhalb des Senatorenstandes seit etwa Mitte des zweiten Jahrhunderts v. Chr. angenommen werden. Für die Zeit des beginnenden Prinzipats lässt sich auf Grund einer schlechten Quellenlage nur schwer eine regelrechte Netzwerkanalyse durchführen. Außerdem muss mit einer Verwandlung und teilweisen Verkümmerung der Unterstützungsnetzwerke gerechnet werden. Es ist noch nicht deutlich, ob diese gänzlich wegbrachen oder in transformierter Form weiter existierten. An die Stelle der senatorischen Solidarität war die kaiserliche Freigiebigkeit (liberalitas) getreten – es ist davon auszugehen, dass sich die Beistandserwartungen der in Not geratenen Senatoren von ihren Stan-desgenossen auf den Kaiser verlagerten. Ein Mentalitätswandel, der die Verschuldung von Senatoren nun auch im Gegensatz zur Republik negativ konnotierte, untergrub die Solidarität zusätzlich. Momentan wird vor allem einer spezifischen Form der kaiserlichen Unterstützung nachgegangen: Inwieweit konnte und wollte der Kaiser seinen politischen Freunden und seinen Verwandten – etwa durch die Zuteilung von gut dotierten Statthalterposten - eine schnelle ‚Sanierung’ ihrer Finanzen vor dem drohenden Statusverlust ermöglichen? Eine solche Form der Unterstützung könnte ursächlich sein, für das sich in den Quellen abzeichnende Verschwinden der senatorischen Netzwerke.

Die Arbeit am Projekt hat bereits zu zwei wissenschaftlichen Qualifikationsarbeiten geführt:

  • Susanne Schake: Zur ökonomischen und sozialen Stellung des T. Pomponius Atticus (Staatsexamensarbeit 2008)
  • Christian Rollinger: Solvendi sunt nummi. Die Schuldenkultur der Späten Römischen Republik im Spiegel der Schriften Ciceros (Magisterarbeit 2008)

Stand: Mai 2009