III.01: Vom Höfling zum städtischen Handwerker – Soziale Beziehungen hugenottischer Eliten und 'gemeiner Kolonisten' in Preußen 1740 bis 1813

Projektbeschreibung

Projektleitung: Prof. Dr. Helga Schnabel-Schüle, Trier Wiss. Mitarbeiter:Christian Decker M.A.

Projektbeschreibung

Das Projekt untersuchte die Genese, Struktur und Entwicklung der Netzwerke von Hugenotten in Preußens Staat und Gesellschaft. Dabei erstreckte sich der Untersuchungszeitraum vom Beginn der friderizianischen Ära bis hin zur Krisen- und Reformphase des Königreichs während der napoleonischen Zeit. Die französische Besatzung führte 1809 zur Auflösung der als institutioneller Dachverband für die einstigen Migranten dienenden sogenannten französischen Kolonie. In besagter Periode geriet die unaufhaltsam fortschreitende Akkulturation hugenottischer Mittel- und Unterschichten in die mehrheitlich deutschsprachige Bevölkerung Preußens zu einer besonderen Herausforderung für die frankophone Oberschicht der Kolonie. Mittels der Auswertung ausgewählter Kurzbiographien prominenter Réfugiés in den sozialen Kontexten des Hoflebens, der Regierung und Verwaltung und dem Berliner Bildungssektor – am Beispiel der Akademie der Wissenschaften sowie des französischen Schulwesens – wurden Art und Reichweite hugenottischer Beziehungen miteinander verglichen. Das methodische Fundament bildete dabei eine sich ergänzende Trias aus qualitativer Netzwerkanalyse, dem Begriffspaar der Inklusion/Exklusion und dem Konzept der Patronage. Hauptaugenmerk lag bei dieser Vorgehensweise auf den jeweils spezifischen Inklusionsbedingungen eines Sozialkontextes, der unterschiedlichen Erzeugung sozialen Kapitals (Prestige, Kontakte, strategische Informationen, Geld etc.) und den sie determinierenden sozialen Abhängigkeiten (Sachzwänge, Etikette, Konvention etc.). Denn jene bestimmten als grundlegende Machtstrukturen maßgeblich die Handlungsspielräume und –grenzen der Hugenotten, die eine in sich durchaus heterogene Akteursgruppe darstellten. Mit dem Projektansatz wurde erstmals innerhalb der preußischen Hugenottenforschung ein verschiedene Gesellschaftsbereiche übergreifender Vergleich der Bedingungen hugenottischer Netzwerkbildung gewagt. Damit verbunden konnten bisweilen in Forschung und Öffentlichkeit immer noch kursierende Stereotype einer „hugenottischen Geschichtsmythologie“ – etwa hinsichtlich der politischen Rolle der Hugenotten in den Führungszirkeln des Staates oder ihrer pauschal angenommenen kulturellen "Strahlkraft" auf die Masse der Bevölkerung – dekonstruiert oder zumindest stark relativiert werden. Trotz eindeutiger inhaltlicher  Schwerpunktsetzung im Elitensektor wurden in geringerem Umfang auch Netzwerkpotentiale, soziale Konflikte und Handlungsschranken refugierter Mittel- und Unterschichten innerhalb einer städtischen Niederlassung untersucht – im vorliegenden Fall Magdeburg als zweitgrößte Hugenottenkolonie Preußens. Eine solche komplementäre Vorgehensweise erhofft sich wenigstens im Ansatz die Vermeidung einer allzu einseitigen Fixierung auf Perspektive und Quellen der "Herrschenden".

Abschlussbericht

Der Forschungsspanne des Projekts umfasste nach der ersten Materialsichtung und der Teilnahme an der 4. Internationalen Hugenottenkonferenz in Emden 2006 vier Archivaufenthalte in Berlin 2007, 2008 und 2009 (Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Staatsbibliothek Berlin, Archiv der Akademie der Wissenschaften) und einen in Magdeburg 2010 (Stadtarchiv Magdeburg). Anfang 2011 war die Manuskriptphase abgeschlossen, die entsprechende Studie wurde im Anschluss als geschichtswissenschaftliche Dissertation im Fachbereich III: Neuere Geschichte der Universität Trier eingereicht und angenommen. Die finale Veröffentlichung wird in absehbarer Zeit erfolgen.

Die aufschlussreichsten Ergebnisse der Projektarbeit sollen hier kurz umrissen werden: 

Da die französisch-reformierte Oberschicht Preußens als ein den Migranten gewährtes Privileg juristische und lebensweltliche Gleichstellung gegenüber den indigenen Eliten genoss, vermochte sie sich relativ problemlos in deren vorhandenes System der Ämterkumulation zu integrieren. Dieses inoffizielle System fungierte als entscheidende Substruktur, die unterschiedliche Gesellschaftsbereiche miteinander verband, es stellte die Kanäle für Austausch und Vermehrung sozialer Güter zwischen verschiedenen personellen Netzwerken zur Verfügung. Jene grundlegende Erkenntnis muss sich stets vor jeder Einzelbetrachtung von französisch-reformiertem „Networking“ in diversen Berufs- und Lebenslagen vergegenwärtigt werden – ohne sie sind Vorgehensweisen und Strategien handelnder Personen nicht zu verstehen. Für den Bereich des Hohenzollernhofs konnte nachgewiesen werden, dass sich – entgegen eines mitunter durch historio- und biographische Verzerrung entstehenden Eindrucks – hugenottische Chargen in den Residenzen zu keiner permanenten Lobby organisierten. Dazu bestand auch keinerlei Anlass aufgrund der ihnen zugesicherten Privilegien (allen voran der freien Religionsausübung) sowie des positiven Images, das sie in den Augen von Herrscherhaus und reformiertem Adel als Konfessionsgenossen und französische Kulturträger genossen. Besonders ihre Muttersprache öffnete Hugenotten im vertrauten Kreis der frankophonen Könige Friedrich II. und Friedrich Wilhelm II. viele Türen. Indes bedeutete die bloße Zugehörigkeit eines Protagonisten zu französischer Kolonie und Kirche allenfalls, dass er – falls opportun – deren Interessen vertreten konnte, es aber keineswegs musste. Französisch-Reformierte schlossen sich überwiegend aus individuellen Eigeninteressen zu spontanen Zweckbündnissen zusammen, in die jedoch stets auch Deutsche, Schweizer oder katholische Franzosen eingebunden waren. Solcherlei „gemischte“ Konstellationen waren für Amtsträger nicht nur im Schloss, sondern auch in der Amtsstube mehrheitlich Realität. Beim Komplex der staatlichen Bürokratie knüpfte das Projekt an erste Ansätze (Schenk 2007; Straubel 2009) an, die sich dem weitgehend noch unerforschten Phänomen des refugierten Beamten im hoch- und spätabsolutistischen Preußen in unterschiedlicher Weise gewidmet haben. Aus den Fallbeispielen kristallisierten sich drei distinkte Typen individueller Netzwerke heraus: erstens, der ausschließlich in der französischen Sonderverwaltung arbeitende Hugenotte, zweitens der darüber hinaus auch in externen preußischen Behörden agierende und drittens der in einem komplett deutschsprachigen Umfeld eingesetzte Beamte – ein Beispiel hierfür findet sich in der Vita des ostfriesischen Kammerpräsidenten Peter Colomb. Es bleibt festzuhalten, dass in den Ausbildungs- und Karrierefeldern der im 18. Jahrhundert immer komplexer werdenden preußischen Administration und Justiz informelle Beziehungen für den beruflichen Aufstieg eine vergleichsweise geringere Wichtigkeit hatten als in der von amorphen, fließenden Machtstrukturen dominierten Hofgesellschaft. Ursache jener Entwicklung war die wachsende Bedeutung des Leistungsprinzips bzw. fachlicher Qualifikation in den genannten Bereichen, die dort anhaltende Institutionalisierung und schrittweise Durchsetzung neutraler rechtlicher Normen. Hinsichtlich der Aufnahme in die Berliner Akademie nutzten Réfugiés höfische Beziehungen als „Brückenkapital“ um, unabhängig von ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen Qualifikation, die begehrte Mitgliedschaft zu erhalten. Dementsprechend betätigten sich diverse Gelehrte in der Akademie aus heutiger Sicht eher als Wissenschaftsorganisatoren und externe Korrespondenzverwalter. Neben den mit der übrigen höfischen Gesellschaft gemeinsamen Abhängigkeiten – wie den „trans-ethnischen“ Beziehungen oder der für Hugenotten vorteilhaften Dominanz französischer Sprache und Philosophie – gab es jedoch auch deutliche strukturelle Unterschiede. Professionelle Wissenschaftler konnten unter Ausblendung des bei Hof eingeforderten weltmännischen Ideals lediglich in der Akademie selbst Prestige erwerben, erhielten aber ohne soziale Kompetenz keinen dauerhaften Zugang zu königlichen Kreisen. Ideologische Gegensätze spielten als strategischer Machtfaktor eine tendenziell größere Rolle als im sonstigen höfischen Umfeld, außerdem war die institutionelle Stabilität der Akademie zumindest bis 1786 geringer als die des institutionell unveränderten friderizianischen Hofstaats (nicht zu verwechseln mit der Hofgesellschaft). Mit Blick auf die Untersuchung der Führungszirkel des von der französischen Kirche getragenen Berliner Kolonieschulwesens, allen voran des „Collège Français“ muss die für die übrigen Gesellschaftssektoren gemachte Beobachtung der „deutsch-französischen“ Netzwerke weitestgehend revidiert werden – dort dominierten nämlich ganz klar innerhugenottische Beziehungsgeflechte. Deren Einflussnahme zeigt sich deutlich in der noch um 1800 anhaltenden defensiven frankophilen Schulpolitik der Konsistorien und ihrer stets betonten institutionellen Autonomie gegen¬über dem preußischen Oberschulkollegium. Erstere erwies sich allerdings angesichts des unaufhaltsamen Sprachwandels der breiten Masse von Berlins Koloniebürgern immer mehr als Anachronismus, Letztere wurde auch deswegen so vehement verteidigt, weil die Kirche so das Konzessionierungsprivileg französischer Privatschulen behalten wollte. Denn das Betreiben solcher Anstalten war für zahlreiche verarmte und unqualifizierte Gemeindemitglieder die letzte Station vor dem Fall in die kirchliche Armenfürsorge. Ein höheres Armutsrisiko aufgrund schlechterer oder fehlender Einbindung in subsistenzsichernde Netzwerke – konkret einer größeren „Herrschaftsferne“ bedingt durch die Abwesenheit sozialer Schlüsselkontakte als „Türöffner“, mangelnde Bildung und Finanzkraft – konnte ebenso bei den Beispielen „gemeiner“ Magdeburger Hugenotten in Handwerk und (Klein)Gewerbe illustriert werden. Sie gerieten im Gegensatz zu dem Führungskadern ihrer Kolonie bei existentiellen Problemen wie etwa Geschäftskonflikten mit städtischen Zünften, hoher Verschuldung oder Krankheit sehr viel schneller in institutionelle Abhängigkeit zu ihren Lokalbehörden. Der anhaltende Mitgliederschwund und die maroden öffentlichen Finanzen der französischen Kolonie Magdeburg leistete gegen Ende des 18. Jahrhunderts solchen Tendenzen noch Vorschub. Daran hatte nicht zuletzt die ebenfalls in der Stadt angesiedelte zahlreichere pfälzisch-wallonische Kolonie ihren Anteil. Sie war wohlhabender, kulturell und sozial eng mit ihrer französischen Schwester verbunden und übte gerade deshalb einen großen demographischen und ökonomischen Druck aus, der sich in regelmäßigen Jurisdiktions- sowie heiratsbedingten Gemeindewechseln bemerkbar machte.

Tagungen

  • 4. Internationale Hugenottenkonferenz der Deutschen Hugenottengesellschaft e.V., Johannes a Lasco-Bibliothek Emden vom 14. bis 17. September 2006.
  • Netzwerke in interdisziplinärer Perspektive - Doktoranden-Workshop, Universität Trier, 26. Juni 2009.

(Stand: März 2012) 

Literatur

  • Böhm, Manuela/Häseler, Jens /Violet, Ro¬bert (Hg.): Die Hugenotten zwischen Migration und Integration: Neue Forschungen zum Refuge in Berlin und Brandenburg. Berlin 2005.
  • Bohn, Cornelia: Inklusion, Exklusion und die Person, Konstanz 2006.
  • Bots, Hans/Schillings, Jan(Hg.):Lettres d’Elie Luzac à Jean Henri Samuel Formey (1748 - 1770) - Regard sur les coulisses de la librairie hollandaise du XVIIIe siècle, (Vie des Huguenots ; 15) Paris 2001.
  • Bourdieu, Pierre: Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital, in: Kreckel, Reinhard (Hg.): Soziale Ungleichheiten, (Soziale Welt; Sonderbd. 2), Göttingen 1983, S. 183 – 198.
  • Dannhauser, Monique: Aus Frankreich nach Deutschland: die französischen Hugenotten und ihr Sproß Jacques-Egide Duhan de Jandun, Präzeptor des Preußenkönigs Friedrich II. Frankfurt u.a. 1999.
  • Fuhrich-Grubert, Ursula: „Meine gute Mamma Camas, vergessen Sie mich nicht. Friedrich“ – Hugenottische Netzwerke um Friedrich II. von Preußen, in: Flick, Andreas/Schulz, Walter (Hg.): Von Schweden bis Südafrika – Vorträge der Internationalen Hugenotten-Konferenz in Emden, (Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e.V.; 43), Bad Karlshafen 2008, S. 147 - 174.
  • Geißler, Rolf: Antoine Achard (1696 – 1772), ein Prediger und Philosoph in Berlin, in: Fontius, Martin/Holzhey, Helmut (Hg.): Schweizer im Berlin des 18. Jahrhunderts – Internationale Fachtagung, 25. bis 28. Mai 1994, (Beiträge zum 18. Jahrhundert), Ber¬lin 1996, S. 125 – 136.
  • Häseler, Jens: Ein Wanderer zwischen den Welten – Charles Etienne Jordan (1700 – 1745), (Beihefte der Francia; 28), Sigmaringen 1993.
  • Hartweg, Frédéric/Jersch-Wenzel, Stefi (Hg.): Die Hugenotten und das Refuge: Deutschland und Europa. Berlin 1990.
  • Janssens, Uta/Schillings, Jan (Hg.): Lettres de l'Angleterre à Jean Henri Samuel Formey à Berlin de Jean Des Champs, David Durand, Matthieu Maty et d'autres cor¬re¬spon¬dants, (Vie des Huguenots; 38), Paris 2006.
  • Jersch-Wenzel, Stefi/John, Barbara (Hg.): Von Zuwanderern zu Einheimischen: Hugenotten, Juden, Böhmen und Polen in Berlin. Berlin 1990.
  • Roosen, Franzsika: Erziehung und Bildung von Hugenotten in Berlin – Das Lehrerseminar, in: Braun, Guido/Lachenicht, Susanne (Hg.): Hugenotten und deutsche Territorialstaaten – Immigrationspolitik und Integrationsprozesse, (Pariser Studien; 82), München 2007, S. 193 - 208.
  • Rosen-Prest, Viviane: L’historiographie des huguenots en Prusse au temps des Lumières – Entre mémoire, histoire et légende: J.P. Erman et P.C.F. Reclam, Mémoires pour servir à l’histoire des Réfugiés françois dans les Etats du Roi (1782 – 1799), (Vie des Huguenots; 23), Paris 2002.
  • Schenk, Tobias: Generalfiskal Friedrich Benjamin Loriol de la Grivillière d’Anières (1736 – 1803) – Anmerkungen zu Vita, Amtsführung und Buchbesitz als Beitrag zur Erforschung preußischer Judenpolitik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in: Aschkenas – Zeitschrift für Geschichte und Kultur der Juden (17) Heft 1, 2007, S. 185 – 223.
  • Schnabel-Schüle, Helga: Wer gehört dazu? – Zugehörigkeitsrechte und die Inklusion von Fremden in politische Räume, in: Gestrich, Andreas/Raphael, Lutz : Inklusion/Exklusion - Studien zu Fremdheit und Armut von der Antike bis zur Gegenwart, Frankfurt am Main/Berlin/Bern u.a. 2004, S. 61 – 62.
  • Straubel, Rolf: Biographisches Handbuch der preußischen Verwaltungs- und Justizbeamten 1740 – 1806/15. 2 Bde. (Einzelveröffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin; 85/Einzelveröffentlichungen des Brandenburgischen Landeshauptarchivs; 7), München 2009.
  • Thadden, Rudolf von/Magdelaine, Michelle (Hg.): Die Hugenotten 1685-1985. Frankfurt am Main u.a. 1986.
  • Velder, Christian: 300 Jahre Französisches Gymnasium Berlin/300 Ans au Collège Francais, Berlin 1989.