II.08: Konfessionelle und überkonfessionelle sowie interreligiöse Netzwerke in den ostgermanischen Nachfolgestaaten des Imperium Romanum: Arianisch-orthodoxe sowie pagan-christliche Beziehungsgeflechte bei Vandalen, Ostgoten und Westgoten
Die Konversion des Rekkared

Netzwerkanalyse


In der Alten Geschichte tendiert die Netzwerkforschung zur Heranziehung egozentrierter Netzwerke, um speziell an dem persönlichen Umfeld eines zentralen Charakters orientierte Fragen zu stellen. Dies ist nicht weiter verwunderlich, bieten doch Briefkorpora, also die gesammelte Korrespondenz eines antiken Schriftstellers oder Funktionärs, ohne eigentliche Aktenbestände oftmals die einzige Möglichkeit zur Sammlung eines einheitlichen und in sich möglichst geschlossenen Datensatzes. Diese Herangehensweise hat sich jedoch für die vorliegende Fragestellung als wenig geeignet erwiesen, da uns übergreifende Strukturen verborgen bleiben und eine konzeptionelle Überbetonung einzelner Akteure vermieden werden soll. Aus diesem Grund wird im Rahmen des Projekts der Versuch unternommen, ein Gesamtnetzwerk zu erstellen, das strukturanalytischen Beobachtungen zur Verfügung steht. Der Grundgedanke basiert dabei auf der strukturalistischen Idee, dass jeder Akteur in ein soziales Umfeld eingebettet ist, welches seine weiteren Beziehungen und Aktionen maßgeblich mitbestimmt. Vor diesem Hintergrund konnten bereits einzelne exemplarische Netzwerke erstellt werden, deren Auswertung teils verblüffende Ergebnisse liefert und ein neues Licht auf die nur lückenhafte Überlieferung wirft, die uns die Lesung der Quellen gestattet.Projektcollage

Ein struktureller Vergleich zwischen den Reichsbildungen von Ostgoten und Vandalen vor dem Hintergrund der religiösen Differenz kann den Weg ebnen für ein besseres Verständnis der Vorgänge innerhalb des westgotischen Spanien, wo allein die religionspolitische Entwicklung mit der Samtkonversion von 589 einen von oströmischer Intervention unbeschadeten, wenn auch nicht zwangsläufig unbeeinflussten Abschluss fand. Die Bevorzugung des Katholizismus durch die westgotischen Könige wirft Fragen auf bzgl. der strukturellen Integrität arianischer Netzwerke gegenüber den katholischen, für die der Wegfall bedeutsamer Akteure möglicherweise aufgrund einer höheren Dichte weniger harsche Konsequenzen mit sich brachte. Die Stabilität des Informations- bzw. Ressourcenaustauschs, über den nicht zuletzt der Zugriff auf Land und Leute erfolgte, mag hier noch vor allen religiös motivierten Erwägungen den Ausschlag gegeben haben, dem katholischen Netzwerk den Vorzug zu geben. Zugleich mag diese Entwicklung aber auch am Ende eines erfolgreichen Vermittlungsversuchs stehen, der primär über interkonfessionelle Brücken erfolgte und – auch wenn längst nicht alle Akteure der konfessionellen Gesamtnetzwerke daran Anteil hatten – eine Phase des Ausgleichs einläutete, die den Reichen der Ostgoten und Vandalen verwehrt blieb, aber auch die Partizipation paganer und jüdischer Elemente weitgehend ausschloss.

 
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